Wie eine traditionelle russische Hochzeit gefeiert wird

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Bevor man sich traut

Hier beschreiben wir, was bei russischen Hochzeiten nicht fehlen darf und welche Rituale   über den Tag verteilt bei einer russischen Hochzeit stattfinden.

Zu allererst wird die Braut bei den Eltern sozusagen ersteigert. Das heißt auf russisch „Wykup“. Hierbei ist die Braut irgendwo im Haus der Eltern und wartet auf ihren Bräutigam, so lange bis er sie findet und auch genug Geld oder Geschenke für sie ausgibt, damit die Eltern ihre Tochter ihm überlassen. Der Bräutigam muss meistens durch viele Test und Aufgaben gehen, um zu seiner Geliebten zu gelangen. Dies organisiert meistens die Trauzeugin oder jemand aus der Verwandtschaft. Die Trauzeugin überlegt sich Fragen über die Braut, die der Bräutigam beantworten muss. Kennt er die Antwort, so kommt er ein Schritt weiter. Wenn er die Antwort nicht kennt, kann er sich den Schritt nach vorn erkaufen. Der Trauzeuge hilft ihm in allen Angelegenheiten, sei es mit Geld oder mit Ratschlägen. Ist er an der Trauzeugin vorbei, muss er sich nun noch vor den Eltern und/oder Geschwistern beweisen, bis er seine Braut endlich in die Arme schließen kann.

Nach dem „Wykup“ folgt meistens die standesamtliche oder die kirchliche Trauung, mit anschließender Fahrt in den Begleitfahrzeugen durch die Stadt.

Foto, Video und Dekoration

Die Hochzeit, die so viel Plannung, Aufmerksamkeit und auch Geld gekostet hat, vergeht wie im Flug. Meistens haben das Brautpaar und die Eltern so viel zu tun, dass sich freuen, später die Fotos und Videos der ganzen Veranstaltung zu haben. Darum wird eine russische Hochzeit oft von professionellen Fotografen und einem Kameramann begleitet, um die Erinnerung an die wichtigsten Momente auch im Nachhinein genießen zu können.

Natürlich darf auch das Paarshooting – Hochzeitsfotoshooting  nicht fehlen, was oft vor der Kirche oder nach der kirchlichen Trauung stattfindet. Das wird aber oft auch vorverlegt oder nach der Hochzeit gemacht, um  die kostbare Zeit besser genießen zu können.

Der Höhepunkt des Tages ist die anschließende Feier in einem üppig geschmücktem Saal bzw. einer Halle. Diese ist meistens sehr groß, denn die durchschnittliche Gästezahl liegt  oft nicht unter 150-200 Gästen. Eine Hochzeit mit 80 Personen zählt eher als „klein“. Eine große Hochzeit ist es dann, wenn ca. 250-330 Gäste angekündigt sind. Darum werden meistens Hallen gebucht um alle unterzubringen. Die Dekoration der Halle liegt bei mindestens 4-6 Stunden, wenn viele Freiwillige mithelfen. Bei einigen Fällen kann die Dekoration sich sogar auf mehrere Tage ausdehnen.

Darum sollten auch die Fotografen etwas Zeit finden um die Dekoration zu fotografieren bevor die Gäste kommen. Man soll schließlich noch lange an der Dekoration Freude haben.

Der Empfang

Die Gäste sind meistens die Ersten, die an der Halle ankommen um das Brautpaar zu empfangen. Zwischen der Trauung und der Feier liegen manchmal bis zu 3 Stunden, darum gibt es bei einigen Hochzeiten den Sektempfang direkt bei der Ankunft im Festsaal.

Die Eltern empfangen das Brautpaar zuerst. Meis ist es die Mutter des Bräutigams, die einen Brotlaib für das Brautpaar backt und diesen zur Hochzeit mitbringt. Somit heißt sie die Braut – nun ihre Schwiegertochter – in ihrer Familie willkommen. Das Brautpaar muss nun ein Stück vom Brot abbeißen oder abbrechen. Wer das größere Stück hat, der soll laut Sprichwort in der Familie später „die Hosen anhaben“. Nun muss das Brautpaar das Brotstück mit Salz bestreuen und den Partner dann das Brot abbeißen lassen. Das Salz symbolisiert das Leben bevor das Brautpaar einander gefunden hat. Nach der Hochzeit soll das Leben „süß“ sein.

Die Geschenke

Nach diesem Ritual betritt das Paar den Saal/die Halle und ein Hochzeitsmarsch begleitet die beiden bis zum Geschenktisch. Hier gratulieren die Gäste dem Brautpaar persönlich und beschenken das Brautpaar. Als Geschenk ist Geld praktisch, leicht zu verstauen und lässt sich in das umwandeln, was das Brautpaar sich gern wünscht. Da Halle, Dekoration, Küche und Unterhaltung hinsichtlich Kosten oft in die Zehntausende gehen, ist ein Geschenk ab 50 Euro pro Gast üblich. Anschließend wird das Brautpaar zum Tisch begleitet. Natürlich sind auch persönliche Geschenke, die vom Herzen kommen, gern gesehen.

Das Essen

Ein sehr hohen Stellenwert bei einer russischen Hochzeit hat das Essen. Hier darf es an nichts fehlen, was dem russischen Gaumen schmeckt. Üblicherweise gibt es einen großen Büffettisch mit vielen verschieden Salaten, Snacks und Gemüse. Als Hauptspeisen sind meist 3-4 Fleisch- und Fischsorten sowie Kartoffeln, Reis und Nudeln im Angebot.  Unter den Salaten sind „Olivje“ (verschiedene Gemüse mit Majo, klein gewürfelt), „Funcosa“ (Glasnudeln mit Karotten, Pilzen, Paprika, Selerie und manchmal mit Hackfleisch) und “Seldj pod Shuboj” (Fisch versteckt unter einem Mantel aus rote Beete, Salzgurken und anderen Gemüse mit Majo) normalerweise auf jeder Hochzeit zu finden. Aber es gibt auch bei jeder Hochzeit etwas Neues.

Als erstes wird die Hochzeitssuppe serviert. Meistens ist es eine Nudelsuppe, aber es kann natürlich auch eine andere gewählt werden. Die Suppe wird meist von jungen, unverheirateten Männern in die Festhalle hereingetragen, natürlich unter musikalischer Begleitung. Der Brauttisch bekommt die Suppenschüssel zuerst. Danach kommen die Gästetische. Als nächstes eröffnet das Brautpaar das Büffet.

Nach dem Essen gibt es verschieden Spiele und  Animationen der Gäste.

Zwischendurch können auch Gratulationen von den Eltern oder den Verwandten durchgeführt werden.

Der Schuh der Braut

Am späten Nachmittag eröffnet das Brautpaar die Tanzpartie. Jedoch wird nun festgestellt, dass die Braut nur noch einen Schuh hat und leider nicht tanzen kann. In diesem Moment tauchen im Saal viele Zigeuner auf – samt dem Schuh der Braut. Diese haben den Schuh geklaut – „gefunden“ – und wollen ihn nur gegen viel Geld eintauschen. Der Bräutigam hat die Aufgabe, den Schuh mit den Trauzeugen zurückzuholen. Hier kommen die Gäste mit ins Spiel, sie werden gebeten dem Bräutigam zu helfen und  noch etwas Geld für den Schuh zu spenden. Jeder gibt natürlich so viel er will und kann. Es gibt immer einen Betrag, ab dem die Gäste Ihre Wünsche und Aufgaben an die Trauzeugen stellen dürfen. Bei einigen Hochzeiten sind es 20,00 € bei anderen 40,00 € und mehr. Kommt der genannte Betrag zusammen, wünschen sich die Geldgeber z.B. dass der Bräutigam mit der Schwiegermutter tanzt. Oder dass der Trauzeuge irgendwelche alberne Sachen macht.

Nach diesem Ritual wird der Schuh dem Bräutigam zurückgegeben und er hilft seiner Zukünftigen, den Schuh wieder anzuziehen. Anschließend folgt der erste Tanz des Brautpaars und mit ihm ist die Tanzpartie eröffnet. Nun wird getanzt und gefeiert.

Gruppenfotos

Zwischen der Tanzpartie und dem Abendessen ist eine Fotopause dabei. In diesem Abschnitt werden die Gesellschaftsbilder mit Braut und Bräutigam sowie Gruppenbilder gemacht. Hier wird einiges von der Braut und dem Bräutigam abverlangt. Wenn jeder zweite ein paar Fotos mit dem Brautpaar machen möchte, kann es schon etwas dauern, bis alle Gäste und Gästegruppen durch sind. An dieser Stelle sollte man schauen, dass es am besten in der Zeit stattfindet, bevor es dunkel wird und auch mindestens eine Stunde Zeit einplanen.

Abendessen und Hochzeitstorte

Zum Abendessen gibt es kalte Platten mit verschiedenen Sorten an Wurst und Käse aber auch einige exotische Meeresfrüchte, sowie einen Obsttisch mit großer Auswahl an Früchten, Melonen u.ä.

Um ca. 22.00 Uhr gibt es als Abschluss die Hochzeitstorte. Die Präsentation der Hochzeitstorte wird gern musikalisch unterstrichen. Wie die Torte aussieht, ist natürlich jedes Mal eine Überraschung. Aber je mehr Stockwerke die Torte hat, desto mehr Wohlstand soll das dem Brautpaar bringen.

Die Torte wird nun vom Brautpaar gemeinsam angeschnitten. Das erste Stück wird entweder vom Brautpaar selbst gegessen oder es wird an den Meistbietenden versteigert.

Zu der Hochzeitstorte gibt es natürlich auch Kaffee und Tee und noch mindestens 10 andere Kuchen und Torten sowie kleine Snacks.

Schleierabnahme, Brautstrauß, Strumpfband

Kurz vor Mitternacht tanzen die Braut und der Bräutigam den letzten Tanz als Brautpaar.

Um 0:00 Uhr wird der Schleier der Braut abgenommen. Dies macht meistens die Mutter oder die Patentante der Braut. Dies dient als Zeichen, dass nun der Hochzeitstag vorbei ist und das Brautpaar zum Ehepaar wird. Damit das Fest nun weitergehen kann, wird ein neues Brautpaar gewählt. Dazu wirft die Braut ihren Brautstrauß zu der Schar unverheirateter Mädchen (über 16 oder über 18 Jahre). Wer den Strauß fängt, ist die neue Braut. Man sagt, dass dieses Mädchen im nächsten Jahr heiraten wird. Hat das Mädchen bereits einen Partner, so wird er der neue Bräutigam. Hat sie noch keinen, wird das Strumpfband der Braut oder die Anstecknadel des Bräutigams zu den unverheirateten Männern geworfen.

Nachdem das neue Brautpaar bestimmt wurde kann die Feier mit dem neuen Brautpaar und dem frisch verheiratetem Ehepaar bis in die Morgenstunden weitergehen.

Am nächsten Tag werden alle zum Frühstück eingeladen. Meistens gibt es eine Suppe „Borschtsch“ und ein Fleischgericht. Natürlich auch noch Tee und Kuchen oder auch kalte Platten.  Die Mutter der Braut bringt selbst gemachte Pfannkuchen – „Bliny“ – mit. Diese soll der Schwiegersohn als erster probieren und sagen, wie es ihm schmeckt und den Preis des  Pfannkuchens nennen. Diese können dann gekauft werden.

Zum Schluss wird noch getestet, wie denn nun das frisch verheiratete Ehepaar zusammenarbeiten kann.  Dazu werden Papierschnipsel und Geldmünzen in einen Topf geworfen und dieser wird dann auf dem Boden ausgeleert. Nun muss das Ehepaar die Münzen zwischen den Papierschnipseln sammeln und den Müll zusammenkehren. Die Schwierigkeit besteht darin, dass die anwesenden Gäste immer noch etwas dazu werfen und die Münzen mit den Papierschnipseln vermischen. Manchmal werden auch noch Papierscheine hineingeworfen. Wenn man endlich alles gesammelt hat und das Geld in einer Tüte ist, kann einer der Gäste die Münzen wieder in den Papierschnipselberg werfen und der Suchspaß geht von vorne los.

So vergehen die zwei Tage wie im Flug. Die Vorbereitung mag anstrengend sein, aber es macht wahnsinnig viel Spaß dabei zu sein, zu tanzen und bei den Spielen mit zu wirken. Besonders macht es denjenigen Spaß, die die ganze Zeit aktiv mitwirken.

Ich freue mich schon auf die nächste Hochzeit, diesmal bin ich nicht als Gast oder Fotografin, sondern als Trauzeugin zu einer Hochzeit eingeladen :)

Olga Weibert, www.olkin.de


Bild im Artikel “Wie eine traditionelle russische Hochzeit gefeiert wird”: Illusive Photography, “Serendipity” (Quelle: www.piqs.de, Some rights reserved)

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