Kurzgeschichte: “Litfaßsäule”

K

Schwabing, 20. März. Ich schiebe mich auf der eisbedeckten Destouchesstraße in Richtung Pündterplatz dem Frühlingsanfang entgegen.

Es ist kalt. Zu kalt, um daran zu glauben.

Ich gehe langsam, um den schneidenden Zugwind auf meinem Gesicht gering zu halten. Vor mir schlurft ein Mann mit Mantel und Pelzmütze gebückt über den harschigen Gehweg. Seine Hände drängen sich tief in die Mantelta¬schen. Rote moonboots umranden klobig seine Füße und Unterschenkel.

Ich kauere mich in seinen Windschatten.

Der Mann verzögert seine Schritte und kommt so unvermittelt zum Stillstand, dass ich Mühe habe, nicht auf ihn zu rutschen. Ich komme gerade noch rechtzeitig zum Stehen. Ärgere mich jedoch über sein unangekündigtes Bremsen.

Andächtig betrachtet er die Litfaßsäule, die vor uns aus dem Schnee ragt.

Er nimmt seine Hände aus den Manteltaschen. Sie hängen schwer an seinen schmalen Schultern. Wie bei jemandem der Leid mit sich herumträgt. Und es nirgendwo abladen kann.

Ich beuge mich vor, schiele an seinem Mantelkragen vorbei. Und sehe seine feuchten Augen auf eines der Plakate plieren.

Links vom Gehweg türmen sich vereiste Schneehaufen. Rechts an der Hauswand wölbt sich spiegelglatt das gefrorene Tauwasser der tagsüber tropfenden Eiszapfen.

Die Lage ist klar:

Überholen ist unmöglich.

Umkehren will ich nicht.

So stehe ich weiterhin dicht hinter diesem Mann. Schmiege meine Wangen an die vereisten Ränder meines Schals. Und glotze, unfähig meine¬n Ärger zu artikulieren, mit ihm gemeinsam, auf die Litfaßsäule. Während ich von einem Bein auf das andere trete.

Ich sage AEntschuldigung!@ gegen seinen Rücken. Aber er scheint mich nicht zu hören. Und da er weiterhin unbeweglich auf die Litfaßsäule starrt, ich aber weitergehen möchte und nicht an ihm vorbeikomme, tippe ich nun mit meinem Handschuh auf seine Schulter.

Der Mann nimmt keine Notiz von mir.

Ich könnte ihn einfach beiseiteschieben. Denke ich. Doch dazu ist mein Ärger noch nicht groß genug. Zudem riskiere ich, dass er stürzt. Mich mit sich reißt. Und einen Versicherungsfall heraufbeschwört.

Gemeinsam betrachten wir weiter die Litfaßsäule.

Ich sehe eine Gruppe überlebensgroßer junger Leute in braunorangenen Gesichtsfarben. Drei flotte Burschen in offenen Hemden, aus denen viel Brusthaar hervorquillt. Alle drei auf blitzblanken Motorrädern um ein Mädchen gelagert, blond und mit aggressiven Sägezähnen in einem verkrampften Lachen erstarrt.

Vielleicht ist er einem Infarkt nahe. Denke ich. Oder es hat ihn ein Gehirnschlag ereilt.

A Kann ich Ihnen helfen?@ brumme ich unter meinem Schal hervor.

Der Mann blickt entrückt in eine andere ferne Welt, die das Bild auf der Litfaßsäule offenbar in ihm erweckt.

Mit glasigen Augen sieht er nun in meine Richtung, als habe sich seine Welt nach dorthin verdreht.

Ich atme auf. Ganz offensichtlich nimmt er mich nicht wahr. Aber immerhin lebt er.

Sein Atem ist weiß und aschig. Das Plakat fordert mich in großen Lettern dazu auf, den Augenblick in vollen Zügen zu genießen. Stattdessen stehe ich weiterhin blockiert hinter diesem merkwürdigen Betrachter. Und genieße ganz und gar nicht.

Es dämmert bereits. Die Farben auf der Litfaßsäule werden blasser.

Der gegenüberliegende Gehweg ist leer. Weißaugige Autos gleiten lautlos über die glitzernde Fahrbahn und verlieren sich in roten Pünktchen in Richtung Belgradstraße. Ein abbiegender Scheinwerfer wischt grell in die Motorradgruppe auf der Säule.

Der Mann packt mich am Arm.

A Das Mädchen da! Sehen Sie!@

Meint er die auf Frau getrimmte Figur im sommerlich gerasterten Teint?

Seine Stimme ist hoch und glucksig. Sie passt nicht zu ihm.

A Ich sehe ein Plakat. Was ist damit?@ sage ich ärgerlich.

Der Zeitpunkt eines möglichen Weitergehens verlagert sich ins Unbestimmte. Ich friere und fühle mich eingeklemmt. Dabei müsste ich nur umkehren.

Das will ich aber nicht.

A Die Kleine dort!@ sagt der Mann und deutet auf die überlebensgroße Einheitsfrau.

A Ja. Irgendein Model für eine bescheuerte Zigarettenreklame! Was mit ihr? Und was, vor allem, hab ich damit zu tun?@

Der Mann schweigt wieder gegen die Litfaßsäule.

A Was immer mit ihr oder mit Ihnen los ist – wenn ich Ihnen nicht helfen kann, dann lassen Sie mich doch bitte vorbei!@

Meine Worte scheinen ihn nicht zu erreichen.

Ich recke meinen Kopf aus der Deckung.

Sofort spüre ich den schneidenden Wind und verkrieche mich wieder hinter meinem Mantelkragen.

Wieder deutet der Mann auf die Litfaßgruppe.

A Die Kleine dort zwischen den Motorrädern, das ist meine Tochter!@

Seine Stimme höre ich jetzt nur gedämpft. Sie klingt so weniger piepsig.

>Na klar,= denke ich, >auch solche Tussis haben natürlich Väter!=

A Ja,@ sage ich, Atrotzdem wäre ich froh, wenn Sie mich jetzt vorbei ließen.@

Wie aus weiter Ferne senkt sich sein Blick auf mich. Und bleibt überrascht auf mir haften.

A Aber bitte, junger Mann! Ich wollte sie nicht belästigen. Sie können es ja nicht verstehen, wie es ist, seine Tochter nur auf Plakaten zu haben.@

Und noch ehe ich ihn warnen kann betritt er die sanft nach oben gewölbte Eisfläche nahe der Hauswand, um mir Platz zu machen.

Natürlich stolpert er. Fällt mir in die Arme. Und auch ich gerade aus dem Gleichgewicht.

Wir kreiseln um uns herum, fangen uns gegenseitig auf, drehen uns tief umschlungen noch einige Male um unsere gemeinsame Achse. Als wollten wir einen neuen Tanz einstudieren.

Irgendwie schaffen wir es, tänzelnd und uns immer wieder umarmend, in wackeliger Balance zu bleiben. Und kommen schließlich beide auf sicheren Beinen wieder zum Stehen.

Erfreulicherweise habe ich mich bei diesem Eistanz an ihm vorbeigeruckelt. Frostiger Zugwind bläst nun ungeschützt auf mein Gesicht. Doch als ich weitergehen will, packt mich der Mann am Arm. Und hält mich fest.

A Sie kommt nie. Und ich habe nichts von ihr. Nicht einmal ein Foto. Ein Vater will seine Tochter ab und zu sehen. Verstehen Sie das?@

Na und? denke ich. Da ist sie doch. Überlebensgroß von allen Seiten sichtbar.

A Ich bin kein Vater,@ sage ich und versuche seine Hand abzuschütteln, eher wir noch einmal ins Rutschen geraten.

Doch der Mann will mich nicht loslassen.

A Da ist sie doch, werden Sie sagen. Wir betrachten sie ja gerade. Riesengroß und immer lachend. Aber wissen Sie was? Sie lacht gar nicht. Schauen Sie doch mal genau hin! Sie lacht nicht.@

Seine Stimme ist brüchig geworden. Und piepst nun noch mehr als zuvor.

A Entschuldigen Sie, junger Mann! Ja, Sie möchten weitergehen. Es ist kalt, nicht der richtige Ort für ein Familientreffen. Sie möchten nach Hause, in ein warmes Wohnzimmer, zu Ihrer Familie. Zu Ihrer Tochter. Oder zu ihrem Sohn.@

Ein Scheinwerferpaar mischt Regenbogenfarben in seine plierigen Augen. Pressen ein paar Tränen heraus. Die auf seinen Wangen sofort festfrieren.

A Nein, das ist kein Platz für ein Rendezvous mit seiner Tochter,@ piepst er noch einmal vor sich hin.

Eine Woge Mitleid zieht unter meinen Mantel. Doch sie reicht nicht aus, mich für ein Verweilen an dieser unwirtlichen Stelle zu erwärmen. Trotzdem will ich ihn nicht ohne ein abschließendes Wort hier einfach so stehen lassen. Es will mir keins einfallen.

A Ich habe weder Sohn, noch Tochter,@ sage ich schließlich.

Der Mann hat sich wieder seiner Litfaßsäulentochter zugewandt. Und ich beeile mich von ihm loszukommen. Als ich in die Ansprengerstraße einbiege, bleibt eine ältere Dame unmittelbar vor mir stehen und setzt ihre Einkaufstasche ab, die ihr offenbar zu schwer geworden ist.

Um sie nicht umzurennen, weiche ich auf die gewölbte Eisfläche aus. Verliere den Halt unter meinen Füßen. Versuche mich, diesmal ohne Partner, in einem Pirouettentanz zappelnd, auf den Beinen zu halten. Stürze dennoch. Und plumpse derb auf den Rücken.

Alle Befehle meinen Körper wieder zum Aufstehen zu bewegen bleiben unbefolgt. Ich spüre das harte kalte Eis unter meinem Hinterkopf.

Der Mann scheint meinen Sturz beobachtet und seinen Litfaßaltar verlassen zu haben. Denn plötzlich sehe ich sein Gesicht über mir.

A O du mein Gott, sind Sie gestürzt?@

Irgendwie überflüssig, darauf zu antworten.

Verdammter Familienkram. Denke ich.

A Es hat keinen Sinn! Ich kann mich nicht bewegen,@ füge ich hinzu, als der Mann mir aufzuhelfen versucht.

A O du mein Gott, o du mein Gott,@ stammelt er unentwegt und wackelt mit fuchtelnden Armen auf eine naheliegende Telefonzelle zu.

Inzwischen ist es ganz dunkel geworden. Aus den Fenstern der Destouchesstraße zuckt violettblaues Licht auf die Eisflächen.

>Wenigstens friere ich nicht mehr=, denke ich, während das Gefühl aus meinem Körper entweicht.

Ich döse vor mich hin. Bildfetzen lösen sich aus meinem Gehirn und zerfallen. Gedanken formen sich. Nur wenige davon bleiben übrig:

Die Gehwege sollten winters besser geräumt werden! Fußgänger, benötigten Bremslichter! Und Väter sollten ihre Töchter nicht auf Litfaßsäulen haben!

Dann kommt der Notarzt.

Ein Text von R. Daniel Roth.

Bild: travelview / Bigstockphoto.com

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